Nähkästchen

Das Bürokratie-Community-Paradoxon

Vier Konzerte und er müsse fünf Verträge unterschreiben, in denen geregelt wird, wie, wo und wann er seine Fotos benutzen dürfe. Diese Meldung twitterte mein Kollege Peter Wafzig in der vergangenen Woche. Auch mir begegnete die Bürokratie rund um das Fotografieren auf Konzerten wieder auf merkwürdige Weise. Was da so passiert erscheint mir schräg, aber wer sich nicht besonders intensiv mit Konzertfotografie beschäftigt bemerkt es vielleicht gar nicht. Trotzdem betrifft es jeden der auf ein Konzert geht, womit auch die Motivation für diesen Artikel erklärt wäre.

Zwei an sich unbedeutende Kleinigkeiten. Zuerst setzt der Musikexpress einen tweet ab. Der Inhalt:

Schickt uns Artikel, Konzertberichte, Bilder und Top-Ten-Listen für unsere Homepage: onlineredaktion@musikexpress.de

Ein Narr, wer dabei denkt hier würden Mitarbeiter gesucht die ein Honorar für ihre Arbeit bekommen. Auf meine Nachfrage bekam ich eine freundliche Antwort in der darauf verwiesen wurde, dass man Autoren und Fotografen für die Community auf musikexpress.de suche und diese Mitarbeit nicht honoriert würde. Man sucht dort also gezielt nach Amateuren, die Fotos zur Verfügung stellen ohne dafür Geld zu verlangen. Der Musikexpress ist hier nur ein Beispiel und keinesfalls das einzige Blatt das auf diese Art versucht an Inhalte zu kommen.

Das zweite Ereignis der Woche war eine Akkreditierungsbestätigung. Die Band, die ich gerne fotografieren würde ist gerade nicht auf dem aufsteigenden Ast. Hier ein Auszug aus den in der Bestätigung genannte Bedingungen:

Für diese Fotoakkreditierung gilt: […]
– Bilder dürfen nur in angegebenen Magazin/ Portal benutzt werden

Nun, dieser Punkt ist (wahrscheinlich aufgrund eines Tippfehlers) nicht ganz eindeutig. Der Verdacht liegt aber Nahe, dass hier die Nutzung der Fotos durch den Fotografen auf ein Medium eingeschränkt werden soll.

Meine Nachfrage diesbezüglich läuft noch.

Es ist aber auch unerheblich was im konkreten Fall dahinter steckt, denn beide Ereignisse waren nicht mehr als ein Anstoß zu einem Gedankengang. Was ist, wenn man beides in letzter Konsequenz zu ende denkt? Die Veranstalter/ Bandmanagements/ Künstler schränken immer häufiger ein, unter welchen Bedingungen Fotos gemacht werden dürfen und wie die offiziell gemachten Fotos verwendet werden können. Es geht ihnen um Kontrolle. Das Bild des Künstlers in der Öffentlichkeit soll möglichst selbst konsturiert bestimmt werden.

Die Medien hingegen (auch die Einschlägigen) versuchen immer mehr Inhalte kostenlos zu generieren. Sie setzen auf Amateure, was gar nicht mal zu schlechteren Ergebnissen führt. Aber führt es nicht auch dazu, dass sich Konzertbesucher fast schon dazu aufgefordert sehen mal die Kamera mit auf ein Konzert zu nehmen und Fotos plus Bericht am nächsten Tag in eine Community zu laden? Ich bin mir sicher, die Betreiber solcher Seiten gehen hier kein Risiko ein. Irgendwo im Kleingedruckten wird schon stehen, dass man nur Inhalte hochladen darf an denen man auch die Rechte hat. Aber kommt das bei den Nutzern an?

Als Konzertfotograf, der versucht professionell zu arbeiten, steht man zwischen diesen beiden Fronten. Die Bürokratie macht unsere Arbeit immer weniger attraktiv. Wenn ich meine Fotos des oben erwähnten Konzerts nur in einem einzigen Medium veröffentlichen darf, dann lohnt sich der Aufwand für mich nicht. So interessant wird die breite Öffentlichkeit die Veranstaltung nicht finden, dass ein Blatt genug dafür zahlt um meine Unkosten zu decken. Denn warum sollten Sie auch mehr zahlen. In ihrer hauseigenen Community bekommen die Blätter ja kostenlos Fotos.

Und viel mehr noch: Worst Case ist eine Abwärtsspirale. Künstler/ Managements/ Veranstalter versuchen zu kontrollieren. Das können sie aber nur bei offiziell akkreditierten Fotografen. Die immer häufiger zu findenden Inhalte von Fans machen dies unmöglich. In Folge dessen reagieren Künstler/ Managements/ Veranstalter mit noch mehr Einschränkungen, die natürlich zuerst die offiziell akkreditierten Fotografen treffen. Paradox!

Der Gipfel des Trauerspiels ist sicherlich wenn Fans ihre Kompaktkameras und teilweise auch Fotohandys am Eingang abgeben müssen. Noch ist das die Ausnahme, aber ich habe es schon erlebt.

Habt ihr ähnliche Erlebnisse auf Konzerten, oder in anderen Bereichen der Fotografie? Ich freue mich auf eure Kommentare.

Keine Fotos von Gogol Bordello

Jaja, die Bürokratie hat mal wieder zugeschlagen. Als Konzertfotograf ist es ein leidiges Thema, mit dem man sich leider immer wieder rumschlagen muss. Akkreditierungen werden nur erteilt wenn man bestimmte Bedingungen erfüllt, oft erfährt man erst ein oder zwei Tage vor dem Konzert ob man Fotos machen darf, oder man bekommt überhaupt keine Antwort auf eine Anfrage. Noch nicht einmal am Telefon. Hat man dann die Zusage zum begehrten Fotopass so bedeutet das leider auch noch nicht viel. Oft sind es die Bedingungen die vor Ort bestimmt werden, die den Fotografen das Leben schwer machen. Das 3-Songs-Limit z.B. oder Fotopositionen, die ohne ersichtlichen Grund so weit weg von der Bühne und den Musikern sind, dass selbst mit Teleobjektiv nicht mehr viel zu machen ist.

Die mit Abstand ärgerlichste Form der Bürokratie sind aber Verträge, die einem vom Management der Band vor dem Konzert vorgelegt werden und die die Arbeit der Fotografen regeln sollen. Regeln heißt hier natürlich einschränken! So auch bei Gogol Bordello.

Der Vertrag der mir an der Abendkasse vorgelegt wurde beinhaltete zahlreiche Punkte, die nicht alle erwähnenswert sind, weil sie z.B. Selbstverständlichkeiten regelten. Dazu gehört das Verbot von Blitzen. Das Limit von maximal drei Songs war darin enthalten, okay damit habe ich mich ja schon lange abgefunden. Immerhin galt auch bei Gogol Bordello nicht pauschal die ersten drei Songs, sondern die Songs 4, 5 und 6. Da hatte sich wohl jemand Gedanken gemacht, gut so! Woran ich dann aber doch Anstoß nahm waren zwei Punkte: Es wurde von mir verlangt, dass ich die Medien bzw. das Medium benenne für das ich Fotografiere und mir gleichzeitig verboten meine Fotos für irgendetwas anderes zu verwenden als für dieses eine Medium. Auf den ersten Blick klingt das vielleicht nicht schlimm, aber de facto bedeutet dies, dass ein solcher Abend für mich als Fotograf nicht mehr gewinnbringend sein kann. Die Honorare die heute gezahlt werden sind viel zu niedrig um mit einer einzige Veröffentlichung eines Fotos die Unkosten decken zu können. Eigentlich jeder Fotograf, der versucht nicht draufzubezahlen ist deshalb bemüht seine Fotos auf verschiedenen Wegen anzubieten.

Ganz nebenbei ist dieser Passus auch der Grund, warum es mir nicht erlaubt ist meine eigenen Fotos auf dieser, meiner eigenen Seite zu zeigen.

Als ob dies nicht genug wäre hat sich Gogol Bordello im übrigen auch noch zusichern lassen, dass sie meine Fotos völlig kostenlos nutzen dürfen. Und das nicht wie ich nur in bestimmten Medien, sondern „throughout the universe“ und ohne zeitliche Beschränkung. Danke, klar schenke ich euch gerne meine Arbeit!

Naja, immerhin kann man sich in Deutschland Gott sei Dank ziemlich sicher sein, dass dieser Passus rechtswidrig ist. Schade nur, dass dies nichts an den anderen Beschränkungen ändert. Und außerdem müsste ich mir mein Recht teuer erstreiten, sollten Gogol Bordello tatsächlich auf die Idee kommen meine Fotos für sich zu verwenden.

Vielleicht hätte ich auch einfach an der Abendkasse umdrehen sollen, meine Kamera wieder im Auto (ja ich hatte sogar eines dabei) verstauen sollen und mir einfach nur das Konzert ansehen sollen. Aber ich hatte mich schon sehr darauf gefreut Gogol Bordello zu fotografieren, weil ich wusste was für eine Show sie machen und weil ich die Band einfach gut finde.

Das nächste Mal werde ich jedenfalls genau das tun. Bis dahin kann ich wenigstens darauf verweisen, dass meine Fotos auf www.regiomusik.de zu sehen sind. Den Link dorthin hat mir ja niemand verboten. Glaube ich zumindest, denn eine Kopie des Vertrages für meine Akten wurde mir verweigert.

Bildauswahl für Fotowettbewerbe – NME Music Photography Award

Der New Music Express (NME) aus England hat einen Wettbewerb zur Musik-Fotografie ausgeschrieben und ich will mein Glück wagen und mich messen lassen. Das bringt eine der Gretchenfragen in der Fotografie unmittelbar zurück in meine Arbeit. Die Bildauswahl. Sie kann entscheidend für den Erfolg sein, gleichzeitig bedeutet sie für mich aber auch sich kritisch mit dem eigenen Werk auseinanderzusetzen, was durchaus schmerzhaft sein kann.

Aber von vorn:

Vom NME Music Photography Award habe ich vor ein paar Wochen eher durch Zufall erfahren und nach eingängiger Prüfung der Wettbewerbsbedingungen stand fest, dass ich mitmachen werde. In aller Kürze zu dieser Entscheidung:

Entscheidend war, dass es sich hier nicht um irgendeinen Hinterhofwettbewerb handelt und auch nicht den der nächstbesten Drogeriekette, sondern um das renomierteste Musikmagazin Großbritanniens, dass den Wettbewerb ausrichtet. Der Wettbewerb findet also in einem explizit musikjournalisten Rahmen statt. Außerdem waren die Wettbewerbsbedingungen erfüllbar und fair da es neben der Publikumswertung auch eine Jury gibt, die die eingereichten Fotos bewertet. Von reinen online-Publikumsbewertungen  halte ich sehr wenig bis gar nichts. Zu guter Letzt ist der wohl wichtigste Grund warum ich mich für eine Teilnahme entschieden habe aber die Tastache, dass es faire Copyright-Bedingungen gibt. Die eingereichten Fotos dürfen vom NME nur im Rahmen des Wettbewerbs verwendet werden und das auch nur zeitlich befristet. Das ist bei so manchem Fotowettbewerb anders. Leider sind die Preise die der NME auslobt nicht berauschend, aber es geht ja auch mehr um Ruhm und Ehre als um kapitalistische Interessen.

Aber nun zur eigentlichen Aufgabe. Wie finde ich das beste Bild für den Wettbewerb in meinem Portfolio?

Zunächst die Rahmenbedingungen, die der Wettbewerb vorgibt. Es gibt zwei von einander getrennte Wertungen für Amateure und für Profis. Dass ich bei den Profis mitmachen würde – streng nach den Regeln des Wettbewerbs könnte ich auch als Amateur antreten – ergab sich aus meinem persönlichen Anspruch und der Tatsache das hier zumindest ein attraktiver Hauptpreis winkt. Leider gibt es in der Profiwertung keine Kategorien, die den Inhalt der eingereichten Bilder näher bestimmen. Das macht die Bildauswahl eher schwerer, weil man keine Anhaltspunkte hat, gibt aber auch mehr Freiheiten.

Auf den ersten Blick klingt also alles ganz einfach. Die fünf besten Fotos aus dem Jahr 2010 sind gefragt, schnell das eigene Portfolio durchwühlen und glücklich sein. Das ist leichter gesagt als getan. Jeder Fotograf ist schließlich von seinen Bildern überzeugt und oft fällt es schwer alleine nach einem allgemeinen Maßstab wie gut oder schlecht auf die fünf definitiven Wettbewerbskandidaten zu kommen.


Außerdem müssen bei einem Fotowettbewerb andere Maßstäbe an ein Foto gelegt werden als bei einer Magazinveröffentlichung oder der Auswahl für das eigene Portfolio. Ein gutes Foto wird zwar immer ein gutes Foto bleiben und ein schlechtes ein schlechtes, aber um sich unter lauter guten Fotos durchsetzen zu können sollte man auf den Zusammenhang in dem das Foto gezeigt wird achten.

Was heißt das konkret für die Auswahl der Wettbewerbsfotos? Hier hilft ein Perspektivenwechsel. Bei den Fotos die man bei einem Wettbewerb einreicht kommt es nicht darauf an, dass sie mir gefallen, sondern der Jury.

Triff die Bildsprache des Veranstalters

Um herauszufinden was der Jury gefallen könnte ist es ratsam sich anzusehen was im Umfeld des Wettbewerbes veröffentlicht wird. Für den konkreten Fall heißt das: Welche Bilder werden im NME bevorzugt abgedruckt. Dieser Tipp ist noch recht vage und man mag ihm auch entgegenhalten, dass es vielleicht auch empfehlenswert ist von der üblichen Bildsprache abzuweichen. Das ist sicherlich richtig und führt direkt zu Tipp Nummer zwei.

Heb dich von der Masse ab.

Die Jury eines frei zugänglichen Wettbewerbs muss mehre tausende Fotos sichten. Darunter sicherlich eine ganze Reihe von guten und sehr guten Fotos. In die engere Wahl kommt unter diesen Bedingungen sicherlich nur wer es schafft im Gedächtnis der Jury zu bleiben auch wenn diese noch hundert Fotos nach den meinen gesehen hat. Es empfiehlt sich also Fotos einzureichen die in irgendeiner Hinsicht besonders sind und sich von der Masse der Fotos abheben. Gut ist es zum Beispiel immer das Thema des Wettbewerbs kreativ auszulegen und nicht das Motiv einzureichen an das jeder sofort denkt der das Thema liest. Trotzdem dürfen die Fotos aber auch nicht zu speziell oder abstrakt sein. Es muss schließlich noch klar zu erkennen sein warum die Fotos in den Wettbewerb passen. Achtung auch mit Fotos die technisch nicht ausgereift sind. Ein kreatives Motiv entschuldigt keine technischen Mängel.

Nutze die Bilderserie

Im Falle des NME Music Photography Award war ausdrücklich gefordert, dass die fünf eingereichten Bilder „ein zusammenhängendes Portfolio“ ergeben. Aber auch wenn dies nicht explizit gefordert ist empfehle ich Fotos einzureichen die zusammen passen. Das steigert wieder die Chancen im Gedächtnis der Jury zu bleiben, denn es ist nicht mehr das eine Bild mit der positiven Eigenschaft sondern derer gleich fünf.

Ich muss zugeben, dass ich mir selbst sehr schwer damit getan habe diese Tipps zu beherzigen. Zum einen isst es natürlich eine Frage des vorhandenen Materials und zum anderen galt es aus meiner Sicht beim NME Music Photography Award zwischen der gelungenen Bilderserie und dem besten Einzelbild abzuwägen. Die Ausschreibung gab hier keine eindeutigen Hinweise. Dort war nur vermerkt, dass die Fotos sowohl einzeln als auch in der Serie beurteilt würden. Am Ende meines Auswahlprozesses hatte ich zwei mehr oder weniger feste Bilderserien von je fünf Fotos.

Der einen Serie würde ich auch jetzt noch zusprechen, dass sie eher über ein eigenständiges Merkmal verfügt, das sie eventuell besonders macht. Die andere Serie hat meiner Meinung nach die stärkeren Einzelbilder. Auch nach langem hin und her Überlegen und mehreren Gesprächen mit guten Freunden und erprobten Kritikern meiner Arbeit kam ich zu keinem Ergebnis.
Letztendlich viel die Entscheidung für vier Fotos aus der einen Serie, ergänzt um das Foto von Shantel mitten im Publikum.

Ich bin meinen eigenen Vorsätzen also tatsächlich nicht ganz treu geblieben. Am Ende hoffe ich mit der Bilderserie starke Einzelbilder abgegeben zu haben, die teilweise auch alternative Motive zeigen und sich eben nicht nur auf Sanger am Mikro beschränken.
Wer mag der kann durch einen Klick auf das jeweilige Foto zur Seite des NME gelangen und dort für meinen Beitrag abstimmen. Dazu ist keine Anmeldung oder Ähnliches notwendig.

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