Ein offener Brief an 1Live

Lady Gaga hat keine Fotografen bei ihrem Konzert zugelassen. Bei Coldplay gab es einen Vertrag mit Klauseln, die uns Fotografen in ihren Rechten beschränkten. Grund genug sich zu ärgern. Dennoch finde ich die Diskussion oft einseitig. Hier meine Antwort auf den Beitrag von 1Live der Gestern die Runde machte:

Liebe 1Live-Redaktion,

ich bin einer der Fotografen, die am Dienstag Abend auf dem Konzert von Coldplay fotografiert haben. Ich bin einer der Fotografen, die den von Coldplay vorgelegten Vertrag unterschrieben haben. Unter anderem, weil ich es mir als unterstes Glied in der Nahrungskette einen Boykott nicht leisten kann.

Umso dankbarer bin ich, dass ihr mit eurem Aufmacher heute Morgen scheinbar für mich (und alle anderen Journalisten) Partei ergreift.

Es freut mich, dass ihr ausführlich darauf eingeht, mit welchen Verträgen und Bedingungen heutzutage die Berichterstattung belegt wird. Ihr macht damit einem breiten Publikum deutlich wie stark Künstler und deren Management versuchen ihr Bild in der Öffentlichkeit zu beeinflussen. Zurecht sprecht ihr von einem „nicht hinnehmbaren Eingriff in die Berichterstattung“ und nehmt sogar Ausdrücke wie „Zensur“ in den Mund.

Trotzdem bleiben für mich zwei Fragen, die ich euch gerne stellen möchte.
Wem nutzt euer Aufreger, solltet ihr selbst keine Taten folgen lassen? Und sitzt ihr nicht mit denen, die ihr da anprangert in einem Boot?

Zusehr hat sich 1Live die Konzerte von Lady Gaga und Coldplay zu eigen gemacht. Sie wurden von euch „präsentiert“. Vor dem Rheinenergie-Stadion standen weithin sichtbar die Insignien eurer Dachanstalt „Das Erste“ und am Sonntag wurden mehrere Stunden im Radioprogramm von 1Live damit gefüllt. Ihr habt ausführlich über die beiden Bands/Künstler zu berichtet und für die Hörer gab es einige der begehrten Eintrittskarten zu gewinnen. Sicherlich ein Gewinn für alle, die Hörer, eure Einschaltquoten und die Bands die sich über die „Werbung“ gefreut haben.

All dies ist nicht verwerflich. Aber in der öffentlichen Diskussion sollte auch bemerkt werden, dass viele Medien nur allzu gerne Schützenhilfe in Sachen PR leisten. Vielleicht ist das ja auch ein Grund dafür, dass freie Berichterstattung immer schwieriger wird.

Ich glaube nicht, dass sich irgendetwas ändern wird, wenn ihr im Nachhinein über Verträge und den Ausschluss von Fotografen schreibt. Was soll sich noch bewegen, wenn Künstler und Veranstalter ihre Promo durchgezogen haben, wenn alle Karten verkauft sind und die Band schon längst weitergezogen ist. Natürlich ist es super die Beeinflussung der Berichterstattung anzuprangern, aber es ist nur ein Sturm im Wasserglas, wenn nicht auch Taten folgen.

Was wird 1Live bei der nächsten Tour von Lady Gaga oder Coldplay tun? Werden im Vorfeld kritische Nachfragen zur Freiheit der Berichterstattung in Wort und Bild fallen? Nur im Nachhinein die Einschränkung der Pressefreiheit zu betrauern wäre spätestens beim nächsten Mal Bigotterie, oder? Ihr seid schließlich schon länger im Geschäft und wisst dem entsprechend, dass solche Verträge/Bedingungen lange kein Einzelfall mehr sind.
Zugegeben: Einfache wäre es für euch die Konzerte weiterhin zu präsentieren, ohne viel Aufhebens zu machen. Dann füllt ihr eure Sendungen, beglückt eure Hörer mit verlosten Karten und der Aufmacher für den nächsten Morgen „Keine Bilder von XY“ hat wahrscheinlich auch genauso viele Klicks wie sie der Artikel mit Fotos hätte.

Wenn ihr mich fragt: Wir wäre es, wenn ihr euch ernsthaft für eine freie Berichterstattung einsetzt, und nicht nur drüber redet.

Wie wäre es, wenn ihr nur noch Konzerte präsentiert bei denen im Vorfeld die Freiheit der Berichterstattung garantiert wird?
Wenn alles so bleibt wie dieses Mal wird sich an der von euch beschworenen Pressefreiheit nichts ändern.

Mit freundlichen Grüßen,

Wolfgang Heisel

Anmerkung: Dieser offene Brief ging zeitgleich mit der Veröffentlichung hier per E-Mail an die Redaktion von 1Live. Ich bin gespannt ob ich eine Antwort darauf bekomme.

Über den Autor

Wolfgang Heisel fotografiert seit mehr als fünf Jahren Bands, Konzerte und andere Live-Veranstaltungen. Seine Wahlheimat ist Köln, wo vor allem bei akustischer und rockiger Musik unterwegs ist.

3 Kommentare

  1. A. Hahl sagt: - antworten

    Moin Wolfgang,

    gut auf den Punkt gebracht. Ich bin mal gespannt, ob da eine Reaktion zu kommt und – falls ja – wie diese dann ausfallen wird.

    Gruß Alex

  2. Hi Wolfgang,

    wir haben ja schon ein paar mal persönlich über das Thema diskutiert und waren uns da eigentlich auch immer einig. Aber in dem Fall muss ich widersprechen. Denn erstens muss man das große Ganze verstehen und zweitens ist die Welt leider kein Ponyhof.

    Aber der Reihe nach, erstmal das große Ganze und so: Einslive ist ein Hörfunksender des WDR für die junge Zielgruppe. So wie ich die Leute dort kennengelernt habe, sind das alles furchtbar nette Leute, aber sie sind nun mal Teil eines riesigen Apparats in dem nicht einzelne Leute entscheiden sondern man sich in vielen Gremien und auf vielen Ebenen einig sein muss, und sich viele Dinge auch in sehr kleinen Schritten entwickeln. Deshalb sehe ich den Vorstoß jetzt als einen Riesenschritt an. Er ist unaufgeregt, sachlich, hat ein großes Publikum erreicht und schließlich auch jede Menge Leute wachgerüttelt – bis hin in die Chefetagen der großen Veranstalter. Das ist mehr als wie mit Blogbeiträgen, Diskussionen unter Kollegen und anderen Aktionen bisher jemals erreicht haben. Und es entwickelt einen gewaltigen Sog, wie sich in den nächsten Tagen und Wochen noch zeigen wird. Berücksichtigt man also, dass man es mit einem mächtigen Apparat zu tun hat, in dem nicht Einzelne entscheiden sondern so etwas durch viele Entscheidungsebenen laufen muss, so ist das Thema hier gewaltig gepusht worden. Dafür muss man Respekt haben und auch mal Danke sagen. So viel zum großen Ganzen.

    Und, ja – das Leben ist kein Ponyhof. Natürlich würden wir uns wünschen, dass mit aller Konsequenz gegen den Vertragsschwachsinn vorgegangen wird. Knallharte Verweigerung von Vorberichten, Schluss mit Medienpartnerschaften, keine Verlosungen mehr, keine neuen Präsentationen, kein Airplay für solche Bands und damit den Leuten bei den Managements mal richtig einen einschenken. Nur ist das leider eine romantische Vorstellung, die bestenfalls als Vorlage für einen Film taugt, in dem die Guten immer gewinnen. So hübsch ist die Realität leider nicht. Die Realität ist, dass Veranstalter und Medien auch in Zukunft zusammenarbeiten werden, weil es beiden Seiten einen Gewinn bringt. Das ist nun mal so, anders könnte wahrscheinlich niemand Konzerte finanzieren. Und es ist auch zu unserem Nutzen, denn ohne Konzerte gäbe es auch keine Veröffentlichungen und keine Honorarabrechnungen. Dass die Managements der Bands von uns Fotografen die Abtretung aller Rechte verlangt, ist ein Umstand den weder die Veranstalter noch die Medien zu verantworten haben. Sie können sich für uns stark machen, aber es ist nun mal nicht ihr direkter Einflußbereich.

    Ich bin dringend dafür, dass Medien sich für uns stark machen und das Thema kochen, bis der Topf endlich mal überläuft. Aber ich würde nicht verlangen, dass jemand sein gesamtes Engagement im Bereich Livemusik einstellt oder als Drohung benutzt, um die Fotoverträge zu verhindern. Drohungen sind eh total doof, denn sie vergiften das Klima. Es muss Einsichten geben seitens der Managements und die Veranstalter und Medien sollten das für uns transportieren. Boykotte, Drohkulissen oder Erpressungen bewirken nur eins: Sie vergiften das Klima und schüren Misstrauen. Zwei Dinge, die wir mal so gar nicht gebrauchen können.

    Also würde ich vorschlagen, dass wir easy und sachlich bleiben, den Schwung nutzen und Danke sagen für jede Form der Unterstützung. Und ich denke, dass Bigotterie-Vorwürfe es sicher nicht leichter machen, weiterhin Unterstützung zu erfahren.

    Beste Grüße
    Peter

    • WoHei sagt: - antworten

      Hallo Peter,

      du hast recht, die Sache mit 1LIVE liegt im riesigen Apparat der Sendeanstalten begründet. Zumindest würde mich wundern, wenn derjenige der entschieden hat welche Tour präsentiert wird auch direkt mitbekommt wie die Berichterstattung eingeschränkt wird.

      Aber ist das nicht auch ein Grund mal ein paar kritische Fragen an die Medien zu richten?
      Ich will genau wie du, dass sich was ändert und ich will auch, dass alles unaufgeregt abgeht. Sicher kann und soll niemand jemandem drohen. Aber ich glaube (noch) nicht daran, dass der Bericht auf 1LIVE viel bewirkt, wenn sich nichts an der Vermischung von PR und Journalismus ändert.
      Aber das liegt in der Hand der Sendeanstalten und Verleger.

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